Myers Cocktail: Der Klassiker unter den Nährstoffinfusionen

Der Myers Cocktail ist die bekannteste Nährstoffinfusion der Welt. Was steckt hinter der Mischung aus Magnesium, B-Vitaminen und Vitamin C — und was sagt die Evidenz?

von Katerina Petrovska

Montagnachmittag in der Naturheilpraxis: Die Patientin sitzt erschöpft im Behandlungsstuhl. Stressberuf, drei Kinder, chronische Spannungskopfschmerzen. Die Blutwerte zeigen Grenzwerte bei Magnesium und B-Vitaminen. Ein Fall für den Myers Cocktail? Wir schauen uns an, was hinter der bekanntesten Nährstoffinfusion der Welt steckt — und was die Evidenz hergibt.

Was ist der Myers Cocktail?

Der Myers Cocktail ist eine intravenöse Nährstoffinfusion, die auf den amerikanischen Arzt Dr. John Myers (1930–1984) zurückgeht. Myers behandelte ab den 1960er-Jahren Patienten in Baltimore mit einer Mischung aus Vitaminen und Mineralstoffen per Infusion — hauptsächlich bei chronischer Müdigkeit, Migräne und Infektanfälligkeit.

Nach Myers' Tod führte Dr. Alan Gaby die Therapie fort und veröffentlichte 2002 einen vielbeachteten Übersichtsartikel im Alternative Medicine Review, der die Zusammensetzung standardisierte und klinische Erfahrungen aus über 1.000 Behandlungen zusammenfasste [1].

Die klassische Zusammensetzung umfasst:

In der Praxis existieren zahlreiche Variationen. Manche Therapeuten ergänzen Zink, Selen oder Glutathion. Die Infusion wird als langsamer intravenöser Push (10–15 Minuten) oder als Kurzinfusion (20–30 Minuten) verabreicht.

Wirkungsweise: Synergien statt Einzelsubstanzen

Das Prinzip des Myers Cocktails beruht auf der gleichzeitigen intravenösen Gabe mehrerer essenzieller Mikronährstoffe. Jede Komponente hat eine eigene pharmakologische Begründung:

Magnesium ist Kofaktor in über 300 enzymatischen Reaktionen, darunter ATP-Synthese, Muskelrelaxation und Neurotransmitter-Regulation. Ein Magnesiummangel — der in Industrieländern bei 10–30 % der Bevölkerung vorliegt — kann Migräne, Muskelverspannungen und Herzrhythmusstörungen begünstigen. Intravenös verabreichtes Magnesium erreicht höhere Serumspiegel als orale Supplementierung und umgeht die abführende Wirkung hoher oraler Dosen.

B-Vitamine sind essenzielle Kofaktoren im Energiestoffwechsel. Besonders B12 und B6 sind für die Nervenfunktion und Homocystein-Metabolisierung relevant. Bei Resorptionsstörungen (Gastritis, Metformin-Einnahme, Alter) kann die orale Aufnahme unzureichend sein.

Vitamin C unterstützt in den eingesetzten Dosierungen (2,5–5 g) die Immunfunktion und wirkt als Antioxidans. In Kombination mit Magnesium und B-Vitaminen wird ein synergistischer Effekt auf den Energiestoffwechsel postuliert.

Calcium stabilisiert die Zellmembranen und kann bei der intravenösen Magnesiumgabe ein potenzielles Magnesium-bedingtes Druckgefühl in der Brust abmildern.

Katerina Petrovska, Approbierte Apothekerin: „Der Myers Cocktail ist so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Infusionstherapie — er deckt die häufigsten Mikronährstofflücken ab, die wir in der Praxis sehen. Was ich an diesem Konzept schätze: Es ist keine Einzelsubstanz-Therapie, sondern berücksichtigt, dass Nährstoffe im Körper zusammenarbeiten."

Anwendungsgebiete

Der Myers Cocktail wird bei einer breiten Palette von Beschwerden eingesetzt. Die Evidenz variiert je nach Indikation:

Dosierung und Verabreichung

ParameterStandard-PushKurzinfusion
Gesamtvolumen20–30 ml100–250 ml
VerabreichungLangsamer IV-Push, 10–15 minInfusion, 20–45 min
Frequenz1× pro Woche1× pro Woche
Therapiedauer4–8 Sitzungen4–8 Sitzungen

Praxistipps:

Aktuelle Studienlage

Die wissenschaftliche Evidenz zum Myers Cocktail ist begrenzt, aber wachsend:

Gaby (2002) publizierte eine umfassende Übersichtsarbeit basierend auf seinen klinischen Erfahrungen mit über 1.000 Infusionen. Er berichtete über positive Effekte bei Migräne, Asthma, Fatigue und Fibromyalgie. Einschränkung: keine kontrollierte Studie [1].

Ali et al. (2009) führten die bisher einzige randomisierte, placebokontrollierte Studie zum Myers Cocktail durch. Bei 34 Fibromyalgie-Patienten zeigten sich Verbesserungen in der Verumgruppe, die jedoch nicht bei allen primären Endpunkten statistische Signifikanz erreichten [3].

Mauskop & Varughese (2012) bestätigten die Wirksamkeit von intravenösem Magnesium als Einzelsubstanz bei Migräne in einem Review [2].

Ehrliche Einordnung: Der Myers Cocktail ist klinisch weit verbreitet und hat eine lange Tradition in der komplementären Medizin. Die kontrollierte Studienlage ist aber dünn. Die Einzelkomponenten (v. a. Magnesium IV, Vitamin C IV) sind jeweils besser untersucht als die Kombination.

Kontraindikationen und Nebenwirkungen

Kontraindikationen:

Häufige Nebenwirkungen:

Selten:

Worauf sollten Sie bei der Beschaffung achten?

Der Myers Cocktail wird in der Praxis aus Einzelkomponenten zusammengestellt. Das erfordert pharmazeutisches Know-how:

Katerina Petrovska, Approbierte Apothekerin: „Viele Praxen bestellen die Einzelkomponenten bei uns und mischen vor Ort. Wir unterstützen dabei mit konkreten Mischprotokollen und Kompatibilitätstabellen. Denn die Wirksamkeit steht und fällt mit der korrekten Zubereitung — eine ausgefallene Lösung hat keinen therapeutischen Nutzen."

Häufig gestellte Fragen

Wie schnell spürt man die Wirkung eines Myers Cocktails? Viele Patienten berichten über ein sofortiges Wärmegefühl und gesteigertes Wohlbefinden während oder direkt nach der Infusion. Bei chronischen Beschwerden zeigen sich nachhaltige Effekte meist nach 3–4 Sitzungen.

Kann man den Myers Cocktail auch vorbeugend nutzen? Ja, viele Therapeuten setzen den Myers Cocktail saisonal (z. B. vor der Erkältungssaison) oder bei beruflich bedingter Belastung ein. Die Evidenz für eine präventive Wirkung ist allerdings begrenzt.

Gibt es fertige Myers-Cocktail-Lösungen? In Deutschland gibt es keine fertige Zulassung für einen „Myers Cocktail" als Kombinationspräparat. Die Infusion wird aus zugelassenen Einzelkomponenten (Pascorbin®, Magnesiumsulfat, B-Komplex etc.) zusammengestellt.

Welche Laborwerte sollten vorher bestimmt werden? Empfohlen: Serumelektrolyte (Magnesium, Calcium, Kalium), Nierenwerte (Kreatinin, GFR), Blutbild. Bei höheren Vitamin-C-Dosen zusätzlich G6PD-Status.

Ist der Myers Cocktail das Gleiche wie eine Vitamin-Infusion? Der Myers Cocktail ist eine spezifische Kombination aus Vitaminen und Mineralstoffen. Er unterscheidet sich von reinen Vitamin-C- oder Vitamin-B12-Infusionen durch den Multi-Nährstoff-Ansatz.

Quellen

  1. Gaby AR. Intravenous nutrient therapy: the "Myers' cocktail". Alternative Medicine Review. 2002;7(5):389-403. PMID: 12410623
  2. Mauskop A, Varughese J. Why all migraine patients should be treated with magnesium. Journal of Neural Transmission. 2012;119(5):575-579. doi:10.1007/s00702-012-0790-2
  3. Ali A, Njike VY, Northrup V, et al. Intravenous Micronutrient Therapy (Myers' Cocktail) for Fibromyalgia: A Placebo-Controlled Pilot Study. The Journal of Alternative and Complementary Medicine. 2009;15(3):247-257. doi:10.1089/acm.2008.0410
  4. Rowe BH, Bretzlaff JA, Bourdon C, et al. Magnesium sulfate for treating exacerbations of acute asthma in the emergency department. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2000;(2):CD001490. doi:10.1002/14651858.CD001490

Pflichthinweis gemäß §4 HWG: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der fachlichen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Diagnose.

Dieser Artikel wurde von Katerina Petrovska (Approbierte Apothekerin, Apotheke zum weißen Schwan, Berlin) fachlich geprüft. Letzte Aktualisierung: März 2026.